Gesunde High Performance: Warum Erholung ein Leistungsfaktor ist

Hohe Leistung gilt oft als etwas, das den Menschen zwangsläufig auslaugt. Wer viel erreichen will, so die stille Annahme, muss dafür bezahlen. Mit Schlaf, mit Beziehungen, mit dem eigenen Wohlbefinden. Stress als vermeintliche Leistungstrophäe.

Das ist eine gefährliche Rechnung, und sie geht nicht auf: Menschen, die dauerhaft hohe Leistung bringen, ohne dabei auszubrennen, arbeiten grundlegend anders als jene, die in Erschöpfung enden. Das bestätigt auch die Forschung.

Was gesunde High Performance bedeutet

Gesunde High Performance meint hohe, nachhaltige Wirksamkeit, die nicht zulasten der eigenen Substanz geht.

Klassisches Hochleistungsdenken folgt der Idee der Ausdauer: durchhalten, weitermachen, Widerstand überwinden, weiter funktionieren.

Gesunde High Performance folgt einer anderen Idee. Sie versteht Leistung als Zyklus aus Anspannung und Erholung, ähnlich wie beim Training im Sport. Muskeln wachsen erst in der Regeneration nach der Belastung.

Genau dasselbe gilt für kognitive und emotionale Kapazität. Wer diesen Rhythmus respektiert, kann über Jahre auf hohem Niveau bleiben. Wer ihn ignoriert, bezahlt irgendwann mit einem Einbruch.

Warum das klassische Modell nicht mehr funktioniert

In einer Welt, die weniger komplex war, konnte man mit Willenskraft und langen Arbeitstagen vielleicht weit kommen. Klar definierte Aufgaben, überschaubare Informationsmengen, planbare Wochen. Die heutige Arbeitswelt sieht anders aus. Ständige Erreichbarkeit, parallele Projekte, hohe Entscheidungsdichte, permanenter Wandel.

Diese Umgebung fordert eine andere Art von Leistung. Weniger die des Ausdauerläufers, mehr die des Denkers und Führenden, dessen Qualität von Klarheit, Fokus und emotionaler Präsenz abhängt.

Genau diese Qualitäten leiden als Erstes, wenn jemand chronisch erschöpft arbeitet. Entscheidungen werden reaktiv, Kreativität sinkt, Empathie erodiert. Die Person funktioniert weiter, aber sie liefert nicht mehr, was ihre Rolle eigentlich verlangt.

Was die Forschung dazu sagt

Wie eng Erholung und Leistung zusammenhängen, hat die Arbeitspsychologin Sabine Sonnentag mit ihrem Team untersucht. In einer Studie wurden die Teilnehmenden über vier Arbeitswochen begleitet und jeweils zu Beginn und Ende der Woche befragt.

Das Ergebnis: Wer sich am Wochenende gedanklich von der Arbeit lösen und abschalten konnte, startete erholter in die Woche. Und dieser Zustand des Erholtseins sagte die Leistung während der ganzen Arbeitswoche voraus, von der Aufgabenerfüllung bis zur Eigeninitiative (Binnewies, Sonnentag & Mojza, 2010).

Erholung ist damit ein messbarer Leistungsfaktor und soll keineswegs als ein privates Wohlfühlthema abgetan werden.

Die drei Faktoren, die den Unterschied machen

Menschen, die dauerhaft leistungsfähig und gesund bleiben, machen einige Dinge anders. Aus meiner Arbeit mit Führungskräften kristallisieren sich drei wichtigen Faktoren heraus:

Sie setzen ihre Energie gezielt ein.

Konzentration, Kreativität und Geduld stehen nicht den ganzen Tag gleich zur Verfügung. Es gibt Phasen, in denen anspruchsvolle Arbeit leicht fällt, und Phasen, in denen vor allem Routine geht.

Menschen mit gesunder High Performance kennen ihre eigenen Muster. Sie legen strategische Aufgaben, schwierige Gespräche und kreative Arbeit in ihre starken Stunden und die Routine in den Rest des Tages.

Sie erneuern ihre Energie so verbindlich, wie sie Termine planen.

Kurze Pausen im Tag, echte Feierabende, regenerative Wochenenden. Dazu gehört, die eigenen Energiespender und -räuber zu kennen. Und ausreichend Schlaf, die wohl am meisten unterschätzte Ressource für Leistungsfähigkeit.

Wer Erholung als Luxus betrachtet, den man sich verdienen muss, wird sie nie in ausreichendem Mass zulassen.

Sie kennen ihre Stärken und richten ihre Tätigkeiten danach aus.

Die Positive Psychologie hat gezeigt, dass Menschen in Flow kommen, mehr leisten und weniger erschöpfen, wenn sie regelmässig ihre Stärken einsetzen.

Stärken einzusetzen gibt Energie zurück. Damit schliesst sich der Kreis: Energie gezielt einsetzen, verlässlich erneuern und aus den eigenen Stärken schöpfen. Das ist gesunde High Performance im Alltag.

Was das für Organisationen heisst

Ob Menschen gesund leisten können, hängt stark davon ab, wie in ihrer Organisation geführt wird und welche Kultur dort gilt.

Eine Führungskraft, die abends selbst offline ist und das sichtbar macht. Agenda-Blocker für Sport oder ungestörte Flow-Zeit, die im Team gleich viel gelten wie ein Kundentermin. Leistungserwartungen, die Erholung von Anfang an einrechnen.

In solchen Teams wird hohe Leistung über Jahre möglich.

Das ist der eigentliche Business-Case und er ist belegt. Eine Meta-Analyse der London School of Economics und der Universität Oxford wertete 339 Studien mit Daten von 1,8 Millionen Beschäftigten aus 73 Ländern aus (Krekel, Ward & De Neve, 2019). Höheres Wohlbefinden der Mitarbeitenden geht darin mit höherer Produktivität, treueren Kunden und tieferer Fluktuation einher, und letztlich mit höherer Profitabilität.

Slow down to power up

Diesen Zusammenhang fasse ich in meiner Arbeit gerne in diesem Satz zusammen: slow down to power up. Bewusste Pausen, klare Prioritäten und regenerative Räume sind die Grundlage, aus der nachhaltige Kraft entsteht.

Organisationen, die diese Grundlage ernst nehmen und Menschen dort einsetzen, wo ihre Stärken liegen, bekommen beides: Leistung, die trägt. Und Menschen, die bleiben.

Slow down to power up

Slow down to power up.

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